25. Juni 2026
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Rudi Gernreich

von Daniela Pscheiden
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„Gernreich war kein Modedesigner, er war ein Modeaktivist!"1
 
Rudi Gernreich wurde am 8. August 1922 in Wien geboren und gilt heute als einer der einflussreichsten Modedesigner des 20. Jahrhunderts. Seine bahnbrechenden Ideen – Monokini, Total Look, Unisex-Mode – zählen heute ganz selbstverständlich zum modischen Repertoire, während sie zum Zeitpunkt ihrer Erfindung als ungewöhnlich, mutig und skandalös angesehen wurden.

Seine Eltern, die damals 39jährige Lisl Gernreich und sein Vater Siegmund Gernreich, Direktor der Strumpf- und Strickwarenfabrik Schüller, waren eine gutsituierte Familie, die sich in einem sozialdemokratischen Umfeld bewegten. Die jüdische Religion spielte bei ihnen eine untergeordnete Rolle. Rudi besuchte die berühmte Jugendkunstklasse des österreichischen Malers und Designers Franz Čižek, dessen leuchtende Farben später in seiner Mode wieder auftauchten. Außerdem hielt er sich gerne im Josefstädter Modesalon seiner Tante Hedwig Jellinek auf, wo er stundenlang zeichnete und sich mit den unterschiedlichen Stoffen beschäftigte.

Nach dem „Anschluss“ 1938 wurde das Geschäft vielfach antisemitisch beschmiert. In der Folge erhielt Hedwig ein Berufsverbot und musste ihren Modesalon schließen. Lisl Gernreich versuchte das Einfamilienhaus in Wien-Speising gewinnbringend zu verkaufen. Siegmund Gernreich hatte bereits 1930 Suizid begangen. Franz S., bereits Anfang der 1930er-Jahre Sympathisant des Nationalsozialismus, kaufte ihr zuerst das Mobiliar und den Hausrat um ein Fünftel seines Wertes ab. Der Verkauf des Hauses an ihn wurde erst 1941 abgewickelt, den erzielten Kaufpreis sahen die Gernreichs aber nie, da sie auf das Sperrkonto keinen Zugriff hatten.

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© Rudi Gernreich
Zeichnung Rudi Gernreich 1938 in Wien
Ein glücklicher Zufall war, dass das junge kalifornische Ehepaar David und Edith Bogen 1932 in der von Lisl Gernreich eröffneten Pension gewohnt hatten und daher 1938 bereit waren, ein Affidavit für Rudi und Lisl zu übernehmen. Auf dem Wiener Meldezettel steht schwungvoll in dem Feld für ausgezogen nach: „Hollywood, USA“.

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© WStLA
Meldeschein mit der Abmeldung 1938 nach Hollywood

1940 gelang es ihnen von Kalifornien aus Lisls Mutter, Charlotte Müller, ihre Schwester Hedwig samt ihrem Mann, den Schriftsteller Oskar Jelllinek, sowie ihren Bruder Georg Müller mit seiner Frau Heddy ins Exil nachzuholen. 1944 erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft. Bis 1956 lebte Rudi mit all seinen Wiener Verwandten unter einem Dach. In seinen ersten Jobs als Leichenwäscher und Tänzer in der Lester Horton Company in LA setzte er sich intensiv mit dem menschlichen Körper auseinander. Für das Tanzensemble entwarf er bereits Bühnenkostüme.

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© Jim Gruber
Die Gründungsmitglieder der Mattachine Society (Rudi Gernreich mit Krawatte)
1950 gründete er in LA gemeinsam seinem damaligen Lebensgefährten Harry Hay die Mattachine Society, die erste Homosexuellenbewegung der USA. Seine eigene sexuelle Orientierung hat er stets vor der Öffentlichkeit verborgen.

Ab 1952 vertrieb er seine eigene Modelinie. Handwerkliche Unterstützung bekam er von Wiener Exilanten, wie der jungen Lilly Fonda, die später federführend bei der Anfertigung von Kostümen für Hollywoods Blockbuster werden sollte. 
Rudi sah sich selbst als Künstler und war daher eng mit der lokalen Kunstszene verbunden. Freunde beschrieben ihn als gutaussehend, klein und mit einem guten Wiener Humor ausgestattet. Gleichzeitig galt er als äußerst fleißig und sensibel. 

Ungewöhnlich für Kalifornien war er stets in schwarz gekleidet und war als „der verrückte Wiener in schwarz“ bekannt. Los Angeles galt damals nicht als Modemetropole, hatte jedoch berühmte Fans, wie z. B. Yves Saint Laurent, Issey Miyake oder Tom Ford. Er zeigte daher seine neuen Kollektionen drei bis viermal im Jahr in New York. Auf seinen Runway Shows gelang es ihm immer wieder, das Publikum zu überraschen. Zu seinen Kundinnen zählten unter anderem Barbra Streisand, Sharon Tate, Indhira Gandhi und Jackie Kennedy.

Sein großer Durchbruch gelang ihm 1964 mit der Erfindung des Monokinis, einer Oben-ohne Variante des Badeanzugs. Für dessen Entwicklung griff er auf die Wiener Bademode der Zwischenkriegszeit zurück, deren gewirktes, dehnbares Material und genderneutrale Passform ihm als Inspiration dienten. Die Badetrikots sollten „sich den Formen anpassen und befreien“. Der Monokini wurde vielfach an Stränden verboten und aus den Kollektionen von Kaufhäusern entfernt. Das gleiche Schicksal ereilte den 1974 von ihm erfundenen Tanga.

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© William Claxton
Rudi Gernreich in seinem Büro in LA 1966

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© Rudi Gernreich
Barbra Streisand in Rudi Gernreich Mode
In die Diskussionen um seine Mode mischte sich sogar der Vatikan ein. Papst Paul VI. erklärte ihn zum „Feind der Kirche“. Sowjetische Kritiker schrieben das Ende der Moral in den Vereinigten Staaten herbei, Länder verboten den Monokini und es gab einzelne Verhaftungen von Trägerinnen. Dabei wurde der Monokini neben der Bibel und der Pille 1965 sogar in eine Zeitkapsel verpackt. Das öffentliche Aufsehen verhalf Rudi Gernreich aber zu zahlreichen Auftritten in Fernsehsendungen sowie Interviews in Zeitungen und steigerte seine Popularität. 1967 war er am Cover des Time Magazins.

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© William Claxton
Monokini
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© Boris Chaliapin © Time USA
Time Magazine 1967

In den 1970er-Jahren konzentrierte er sich auf die Schaffung einer Unisex Mode und den „Total Look“, bei dem die Frisur, das Makeup und alle Accessoires mit der Mode abgestimmt werden sollten. Seine Motivation, genderneutrale Mode zu machen, beschrieb er einmal so: „Ich habe den Military Look in den späten 1960er-Jahren deshalb gemacht, da einige Designer Scarlett O`Hara Kleider anfertigten, was ich als Beleidigung der Frauen ansah, die gerade dabei waren, die gleichen Rechte wie Männer zu erhalten.“

Seine bei der Expo 1970 in Osaka vorgestellten Kaftane erinnern an die Reformkleider der Wiener Jahrhundertwende. Die Expo stand unter dem Motto „Fortschritt und Harmonie für die Menschheit“. Er hatte den Anspruch Kleidung zu kreieren, die höchsten Komfort bote und gleichzeitig die Körperformen nicht betonte, sondern abstrahierte. Dazu trug auch das farbige, abstrakte Muster bei. Seine Vorstellung der idealen Unisex Mode beinhaltete auch das Kahlrasieren der Köpfe sowie des ganzen Körpers, um das Verschwimmen der Geschlechtergrenzen noch mehr zu betonen. Er sah darin die Möglichkeit sich genderunabhängig zu kleiden und sich so besser selbstverwirklichen zu können, ohne sich sozialen Regeln unterwerfen zu müssen.

„Leute werden versuchen zu sagen, dass ich Frauen maskuliner aussehen lassen will. Für mich ist die größtmögliche Anerkennung, die du einer Frau geben kannst, jene sie zu einem menschlichen Wesen zu machen. Eine vollkommen emanzipierte Frau, die komplett frei ist.“

Die Visionen einer modischen Zukunft konnte Rudi Gernreich in den 1970er-Jahren bei den Entwürfen für die Uniformen der Mondbesatzung der Fernsehserie Mondbasis Alpha 1 realisieren.

Noch 1985 produzierte er mit seinem „Pubikini“, einem Badetanga, der die Schamhaare nur teilweise bedeckte, einen weiteren Skandal.

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© Rudi Gernreich
Der Kaftan als die Zukunft Unisex Mode
Abgesehen davon hatte er sich seit dem Ende der 1970er-Jahren vom Modebusiness zurückgezogen und dafür Möbel und Haushaltswaren entworfen oder auch Suppen an Gourmetrestaurants wie des Kärntners Wolfgang Puck verkauft. Nebenbei setzte er sich jedoch immer wieder die Gleichberechtigung, die Bekämpfung des Stigmas physischer Krankheiten und für die Wahl des ersten schwarzen Bürgermeisters von Los Angeles, Tom Bradley, ein.

Die Beziehung zum offiziellen Österreich blieb reserviert. „Österreich hat offiziell meiner Existenz nicht die geringste Aufmerksamkeit geschenkt – ausgenommen in der Zeit, als wir alle aus dem Land geworfen wurden.“ Erst als bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert wurde, begann er seine Kindheitserinnerungen in Deutsch niederzuschreiben, obwohl er jahrzehntelang den Gebrauch der deutschen Sprache verweigert hatte. In seiner Heimatstadt Wien kam er sich wie ein Fremder vor.

Rudi Gernreich starb am 21. April 1985 in einem Hospiz in Los Angeles. Sein künstlerischer Nachlass, der rund 1000 Objekten umfasst, darunter zahlreichen Kleidungsstücke, Entwürfe und Stoffmuster, Accessoires, Möbelstücke, Presseausschnitte, Notizbücher ging an das Fashion Institute of Design and Merchandising in Los Angeles. Der Familiennachlass befindet sich im Archiv der University of California.

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© Rudi Gernreich
Rudi Gernreichs Total Look

Er und sein langjähriger Lebensgefährte, Dr. Oreste Pucciani, Professor für französische Literatur an der Universität von Los Angeles, hinterließen ihr Vermögen und das Markenrecht am Namen Rudi Gernreich der American Civil Liberties Union (ACLU, Amerikanische Bürgerrechtsunion) und setzten damit ein Zeichen für ihren lebenslangen Einsatz für Gerechtigkeit. Mit Hilfe dieser Mittel konnten sich die ACLU bereits vielfach erfolgreich vor Gericht für LGBTIQ Belange einsetzen.

Rudi Gernreich setzte sich sein Leben lang dafür ein, dass Mode als befreiende Kraft wirksam sein soll. Sie sollte konventionellen Ideen von Schönheit, Identität und Gender trotzen; der Körper sollte gefeiert und nicht unterdrückt oder künstlich in Form gepresst werden. Wie aktuell auch noch heute einzelne Debatten sind, denen sich Rudi Gernreich stellen musste, sieht man heute z. b. noch auf Instagram: während sich unzählige Oben-ohne Fotos von Männern auf der Plattform finden, werden weibliche Brustwarzen immer noch zensiert. Dieser Sexualisierung widersetzte er sich mit seiner Mode: Frauen nicht länger auf ihre Körperlichkeit, ihre Sexualität oder ihre Reproduktionsfunktion zu reduzieren. So sagte er bei der Vorstellung des Monokinis: „Ich wollte ein Statement zur Freiheit abgeben, nicht zur Sexualität.“ Bezeichnend auch die Inschrift auf seinem Grabstein:
„Wo, wann oder was auch immer – am Ende geht es immer um die menschliche Freiheit.“
 
[1] Art Director Jacques Faure